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Interview mit der Vorsitzenden des Telekom-Gesamtbetriebsrates Monika Brandl

Die Telekom will der wichtigste Telekommunikationsanbieter Europas werden. Über 200.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in 50 Ländern. Für die größte Zahl von ihnen hat die Digitalisierung nicht nur begonnen, sondern wird auch gestaltet. KAB-Impuls Mitarbeiter Gerhard Endres sprach mit Monika Brandl, Gesamtbetriebsratsvorsitzende des Bonner Konzerns über die Auswirkungen von Arbeit 4.0.

Impuls: Frau Brandl, bei der Telekom gibt es viele verschiedene Arbeitszeiten. Wie schaffen sie es als Betriebsrätin, dass die Mitarbeiter sich nicht selbst ausbeuten oder ausgebeutet werden?

Monika Brandl: Es ist ganz wichtig, dass wir mit den Kolleginnen und Kollegen reden. Wir sind als Betriebsräte und Betriebsrätinnen nicht die, die den Finger heben, unter dem Motto, „das darfst du nicht“. Mir ist es wichtig, dass die Menschen Selbstverantwortung übernehmen und sich selbst so viel wert sind, dass sie auf sich und ihre Gesundheit achten. Und auch merken, dass man nur eine Gesundheit hat und nicht eine zweite schnell hinter dem Vorhang vorholen kann. Wir unterstützen die Übernahme von Selbstverantwortung und erreichen damit gute Erfolge bei der Gesundheitsprävention.

Impuls: Das, was sie gesagt haben über die Selbstverantwortung, könnte auch der Telekom-Vorstand sagen. Was unterscheidet sie als Betriebsrätin vom Vorstand ?

Brandl: Das ist genau der Punkt. Achte ich auf mich selbst und entwickele so ein Gefühl für mich, dann hilft das mir und meiner Gesundheit. Arbeite ich aber jeden Tag zwölf Stunden, werde ich über lange Zeit davon krank. Da frage ich: Bringt mir diese Überarbeitung persönlich etwas oder ist es nicht viel besser, ich haushalte mit meinen Kräften. Es ist klar, dass jeder von uns – natürlich auch Betriebsräte – intensive Arbeitsphasen hat. Man muss mal etwas durchpowern, damit ich das noch fertig bekomme. Das soll aber nicht die Regel sein, sondern die Ausnahme. Als Betriebsräte achten wir darauf, dass diese Überbeanspruchung nicht die Regel ist, sondern die Ausnahme.

Wir haben eine Betriebsvereinbarung, einen „Code of conduct“, abgeschlossen, der festschreibt, dass die Arbeitszeit einzuhalten ist, dass man abends nicht erreichbar sein muss und im Urlaub nicht gestört werden darf. Die Führungskräfte sind verpflichtet, sich an diese Vereinbarung zu halten.

Impuls: Und halten sich die Kollegen und die Führungskräfte daran?

Brandl: Ich kann nach sechs Jahren Vereinbarung sagen, das weniger Mails am Sonntag kommen. Ich glaube, das ist ein Erfolg für die Kolleginnen und Kollegen. Sie sagen, dass mache ich nicht mehr.

Klar sagt das ein Unternehmen auch, übernehme Selbstverantwortung, aber unter einem ganz anderen Aspekt. Wir sind die gewählten Vertreter der Kolleginnen und Kollegen und wir wollen, dass die Kolleginnen und Kollegen mal gesund in Rente gehen können und nicht vorzeitig krank ausscheiden müssen. Von gesunden Mitarbeitern hat besonders auch das Unternehmen seinen Mehrwert.

Impuls. Welche Vereinbarung gibt es, damit die Arbeitszeit eingehalten wird?

Brandl: Wir haben Arbeitszeitkonten vereinbart, die von morgens 6 Uhr bis abends 20 Uhr gelten. In diesem Zeitkorridor wird gearbeitet. Zusätzlich haben wir Gesundheitsvereinbarungen getroffen. Als örtliche Betriebsräte sehen wir uns monatlich die Gesundheitsquoten an. Gibt es negative Abweichungen, werden entsprechende Maßnahmen getroffen.

Es reicht nicht, dass die Menschen nur zu hause arbeiten können, sondern wir wollen, dass sie auch am Betriebsleben teilnehmen, dass sie ihre Kolleginnen und Kollegen treffen können. Sie müssen an bestimmten Betriebseinsätzen teilnehmen.

Wir haben „flexible work“, das heißt, man kann zeitweise zu Hause arbeiten. Für diese Arbeit brauche ich als Mitarbeiterin beziehungsweise Mitarbeiter die Fähigkeit zur Selbstverantwortung, dass ich die Arbeitszeit sinnvoll gestalte: Wann arbeite ich zu Hause, wann arbeite ich im Betrieb? Als Mitarbeiter bin ich auch Herr oder Frau der Zeit, wie ich mir die Arbeitszeit einteile. Wir haben einen Tarifvertrag zur Arbeitszeit und einen zum Gesundheitsschutz vereinbart, außerdem einen Tarifvertrag zum Arbeitsschutz. Ich kann sagen, die Regelungen werden eingehalten. 

Impuls: Die Telekom ist als weltweit agierendes Kommunikationsunternehmen ein Treiber der Digitalisierung. Dies hat Konsequenzen auf Arbeitsplätze. Gibt es Überlegungen über eine Arbeitszeitverkürzung?

Brandl: Wir haben mit ver.di einen relativ neuen Tarifvertrag abgeschlossen, einen sogenannten atmenden Tarifvertrag, in dem die Arbeitszeiten geregelt sind im Vorgriff auf die Veränderungen, wenn durch die Digitalisierung Arbeitsplätze wegfallen. Wir sind nicht der Digitalisierungstreiber, sondern der, der die Digitalisierung treibt. Jetzt, da viel Arbeit anfällt, kann die Arbeitszeit auf bis zu 40 Stunden steigen, sie kann aber auch auf 32 Stunden fallen, das Gehalt bleibt auf dem gleichen Niveau.

Impuls: Wie ist das Gehalt und die angesparten Arbeitsstunden abgesichert ? Viele Unternehmen sagen ja, dass für die Arbeitszeitkonten Rückstellungen notwendig sind.

Brandl: Die Telekom muss Rückstellungen machen. Für die Kolleginnen und Kollegen, die nicht so viel verdienen, zahlt die Telekom 80 Euro pro Jahr auf dieses Arbeitszeitkonto des Beschäftigten ein. Dieses Konto ist bei der Telekom eingerichtet.

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KAB-Impuls, das Magazin der Bewegung für soziale Gerechtigkeit, erscheint seit Januar 2012 sechsmal pro Jahr.

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